Der weltbekannte Harvard-Professor Henry Louis Gates Jr. kann seine Haustür nicht öffnen, nimmt stattdessen den Hintereingang - und wird verhaftet, weil eine Nachbarin schwarze Einbrecher fürchtet. Nun tobt in den USA eine Ethnismusdebatte, in die sich auch Barack Obama einmischt. Die Dozenten am W.E.B. Du Bois Institute for African and African American Research in Harvard sind stolze Gestalten. Allen voran Henry Louis Gates Jr., stets bestens gekleideter Doyen des Instituts, er sammelt kostbare Kunst und Ehrendoktorwürden. 50 hat er davon erhalten, auf der ganzen Welt.
Henry L. Gates Jr., prominenter Professor und Kämpfer gegen Etnocentrismus
Gates ist distinguiert, er ist erfolgreich, er lebt in einem schönen Haus ein paar Minuten vom Harvard-Campus mitten in Cambridge - einer amerikanischen Wohlfühlwelt, wo Anwohner mit Weltverbesserungsneigungen am Wochenende zum multikulturellen Grillfest mit Speisen aller Länder laden. Rund um die Grills drängen sich Gäste aller Hautfarben.
In dieser Umgebung kam es mir als weißem Studenten immer etwas unwirklich vor, wenn an Gates' Institut über die weiter bestehende unterschwellige Angst vor dem schwarzen Mann und den "New Racism" doziert wurde. Die Forscher warnten, offener Rassismus sei in den USA zwar mittlerweile tabu, verdeckter bleibe die Regel.
Sicher, jeder in den Kursen kannte die Statistiken: Dass schwarze Männer weit häufiger im Gefängnis landen als weiße, selbst für kleine Vergehen. Dass viele Soziologen "racial profiling", willkürliche Polizeikontrollen von Schwarzen und anderen Minderheiten, für eine gängige Praxis halten.Doch in Cambridge, so weit weg von den Brennpunkten, so nah am offensichtlichen Erfolg schwarzer Akademiker, wirkten die Diskussionen eher abstrakt.
Manchmal gar etwas eitel, als instrumentalisierten die Harvard-Forscher die Vergangenheit, um ihre Bedeutung in der Gegenwart zu erhöhen. So wie wohl Cornel West, populärer schwarzer Philosophie-Professor, der empört nach Princeton abwanderte, weil Ex-Uni-Präsident Larry Summers ihn angesichts vieler Nebentätigkeiten wie der Aufnahme von Hip-Hop-CDs an seinen Lehrauftrag erinnerte. West warf Summers Rassismus vor, natürlich.
Festnahme von Gates: Rassismus oder Polizeiroutine?
Bis die Wirklichkeit diese Woche nach Cambridge zurückkehrte. Genau genommen bis in Gates' Haus. Nach einer China-Recherche-Reise kam er nach Hause, er konnte die Vordertür seines Hauses nicht öffnen, er rüttelte daran mit seinem Fahrer, ebenfalls ein Afro-Amerikaner. Vergeblich. Schließlich gelangte Gates durch die Hintertür ins Haus. Er telefonierte mit der Hausverwaltung wegen der bockigen Vordertür, doch da stand schon die Polizei. Eine aufmerksame Nachbarin habe sie gerufen, zwei schwarze Männer versuchten einzubrechen. Gates entgegnete, dies sei sein Haus, er lebe hier, er sei ein Harvard-Professor.
Der Polizist wollte Dokumente, Gates suchte sie, wohl nach etwas Protest, zeigte sie. Der Beamte stellte mehr Fragen, drängend, Gates verlangte nun seinerseits nach Namen und Dienstnummer, der Beamte antwortete nicht, Gates fragte: "Antworten Sie mir nicht, weil Sie ein weißer Polizist sind und ich ein schwarzer Mann?" Es ging dann hin und her, es wurde lauter, ein Wort gab das nächste, die Berichte darüber gehen auseinander. Fest steht nur: Der Polizist nahm Gates vor seinem eigenen Haus fest, wegen "disorderly conduct", sozusagen Widerstand gegen die Staatsgewalt.
Gates ist knapp 1,70 Meter groß, 58 Jahre alt, er muss sich auf einen Stock stützen. Die Polizeifotos des kleinen Mannes nach der Festnahme gingen um die Welt. Wäre die Geschichte nicht wahr, man müsste sie erfinden, so ironisch ist sie. Gates ist der vielleicht bekannteste afro-amerikanische Wissenschaftler, ein Empfänger des "Genius Award", "Time" nannte ihn einen der 25 einflussreichsten Amerikaner, er hat sein Leben lang über Hautfarbe und Diskriminierung geforscht.
Und jetzt widerfährt ihm scheinbar genau das, was so viele schwarze Amerikaner beklagen. Polizeiwillkür wegen der Hautfarbe. Denn ein schwarzer Mann gilt der Polizei als verdächtig, wenn er in einem schönen Haus ist. So empfindet Gates es zumindest, und viele Anhänger auch.
Das stürzt Amerika in seine erste echte Rassismusdebatte der Obama-Ära. Der Präsident hat Rassenfragen lange vermieden, er will Schwarze nicht als Opfer zeichnen. Er spricht lieber von der Verantwortung der afro-amerikanischen Gemeinschaft. Sie solle sich besser um ihre Familien kümmern, Bildung ernster nehmen.
Deutliche Worte von Präsidenten Obama: Doch bei einer Pressekonferenz am Mittwoch schien er davon genug zu haben. Er erinnerte daran, wie ihm selbst Ähnliches wie Gates widerfahren könne in seinem Haus in Chicago. Gates' Verhaftung sei "dumm" gewesen, sagte Obama. "Die Amerikaner haben einen seltenen Einblick erhalten, was es heißt, einen schwarzen Präsidenten zu haben", kommentierte die "New York Times".
"Dumm". Ein starkes Wort für einen Präsidenten. Doch viele Schwarze wollten genau das von ihrem Präsidenten hören. Lawrence Bobo, afro-amerikanischer Kollege von Gates in Harvard, schrieb in der "Washington Post": "Ich scherzte mit meiner Frau immer, wir sollten die Grundstückspapiere am Eingang aufbewahren, für alle Fälle. Das tue ich jetzt. Und es ist nicht länger ein Scherz."
Barack Obama: Ende der Achtziger studierte der heutige US-Präsident an der Law School der Elite-Uni Harvard
Kritiker halten Gates vor, er habe sich aufgespielt: Sie wissen nicht, mit wem sie es zu tun haben, habe er dem Polizisten arrogant entgegengeschleudert. Dessen Verteidiger feuern zurück: Vielleicht sei Gates laut geworden, doch wer könne ihm das verdenken, wenn er für das Betreten seines eigenen Hauses belangt werde? Wäre das einem weißen Harvard-Professor widerfahren? "Ich habe begriffen, wie verwundbar schwarze Männer sind", sagt Gates. Er will nun einen Dokumentarfilm über die Opfer von Polizeiwillkür drehen.
Polizist will sich nicht entschuldigen
So dreht sich die Debatte im Kreis: Der Polizist will sich partout nicht entschuldigen. Er habe genau nach Vorschrift gehandelt. Er hat jahrelang Toleranzkurse für Kollegen unterrichtet. Sein Polizeichef will eine Entschuldigung vom Präsidenten für seine Bemerkung über die "dumme Polizei". Dessen Sprecher, Robert Gibbs, betonte später, dass der Präsident ja nicht den Polizisten als "dumm" bezeichnet habe. Auch Gates beharrt auf einer Entschuldigung.
Das bringt Erinnerungen zurück, die man im Obama-Zeitalter leicht verdrängt: An schwarze Harvard-Kommilitonen, die erzählten, dass sie Sicherheitskräften auf dem Uni-Gelände oft ihren Studentenausweis zeigen mussten. An die Freundin an der Harvard Law School, die aus einer einfachen schwarzen Familie in Philadelphia kam und sich in den Klassen der Edelschule kaum zu melden wagte. Daran, dass selbst in der U Street in Washington die Schlangen vor den Clubs oft nach Hautfarbe getrennt sind - obwohl praktisch jeder in dem Viertel für Obama gestimmt hat.
Die Lehre dieser seltsamen Verhaftungsepisode ist wohl: Die Vergangenheit vergeht nicht so schnell, auch in Barack Obamas Amerika.
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