In der sächsischen Kleinstadt Mügeln lebende Inder wurden von Neonazis angegriffen. Durch diese erneute Auseinandersetzung rückt die hartnäckige Problematik der Ausländerfeindlichkeit und des Neonazismus in Deutschland wieder ins Licht der Öffentlichkeit und stärkt den Standpunkt vieler Ausländerorganisationen, dass Immigranten und Touristen dunkler Hautfarbe bestimmte Teile Ostdeutschlands meiden sollten. Die Polizei wird hier nach eigenen Angaben „eine Zeit lang eine verstärkte Überwachung aufrecht erhalten", sagt der fünfunddreißigjährige Kulvir Singh, dessen Restaurant vom Mob zerstört wurde. Singh steht hinter der hölzernen Ladentheke in seiner Pizzeria Picobello an der Hauptstraße von Mügeln. Zuvor hatte Sachsens Ministerpräsident Georg Milbrandt (CDU) ihm einen Besuch abgestattet, um ihm Mut zuzusprechen.
Am frühen Sonntagmorgen wurden Singh und sieben seiner Landsleute nach einem scheinbar harmlosen Streit auf der Tanzfläche beim jährlichen Mügelner Stadtfest durch die ganze Stadt gejagt. Ein aufgebrachter, rassistische Beleidigungen rufender Mob von dutzenden Festgästen verfolgte die Inder, um sie anschließend zu verprügeln. Sechs der Verfolgten schafften es, sich in Singhs Pizzeria zu retten und dort einzuschließen. Daraufhin traten die Randalierer die Haus- und Hintertür ein, warfen Fenster ein und demolierten Singhs Auto. Erst ein siebzigköpfiges Polizeiaufgebot konnte die wütende
Menge zurückdrängen, wobei die Beamten selbst mit Flaschen, Gläsern und Bänken attackiert wurden. Bei dem brutalen rassistischen Angriff wurden 14 Menschen verletzt, davon zwei Polizisten und acht Inder.
Kurz vor dem Angriff sah ein Augenzeuge eine Gruppe junger Männer an seiner Wohnung in Richtung Volksfest vorbeigehen. Aus ihrem Erscheinungsbild schloss er, dass es sich um Neonazis handelte. Außerdem gab es eine E-Mail-Warnung vor einem Neonazi-Angriff auf Mügelns Jugendclub. Der Club leitete die E-Mail an den Bürgermeister weiter. In der Stadt Mügeln und ihrer Umgebung ist Neonazismus nichts Neues. Erst im Mai brüllten junge Männer antisemitische Beleidigungen während eines Jugendfußballspiels. Letztes Jahr verprügelten maskierte Neonazis in Breitenhorst mehrere Leute auf einem Stadtfest am Palmsonntag. Der Pizzeriabesitzer Singh sagt, dass er kurz vor dem Angriff von einem seiner Kunden bedroht worden sei. Ein anderer Augenzeuge behauptet, bekannte Gesichter unter dem aufgebrachten Mob erkannt zu haben.
Nun sorgt sich der Bürgermeister um den Ruf seiner kleinen Stadt. „Wir haben hier keine extrem rechte Szene”, betont Gotthard Deuse (FDP) immer wieder. „Wenn es sich bei den Tätern um Neonazis handelt, dann müssen sie von woanders herkommen.“ Während das Land Sachsen eine Festung von Deutschlands Neonazi-Partei NPD sei, habe das Gebiet um Mügeln, laut dem Bürgermeister, bisher keine Aufmerksamkeit als Brutstätte für rechtsextreme Aktivitäten auf sich gezogen. Allerdings muss man nicht weit reisen um Neonazis zu finden. Die mittlerweile illegale, rechtsextreme Gruppierung „Sturm 34“ terrorisierte beispielsweise die nahe gelegene Stadt Mittweida, und es gab wiederholte Angriffe der Rechten in Wurzen im benachbarten Muldental.
Am bestürzenden ist die Tatsache, dass angeblich mehrere Festbesucher bei der brutalen Menschenjagd zuschauten, ohne einzugreifen und die Opfer zu schützen, während andere geradezu Beifall klatschten und sich den Angreifern anschlossen. Für viele Beobachter liegt die Gefahr des Vorfalls darin, dass so etwas nicht zum ersten Mal passiert ist. Vor fünfzehn Jahren setzten Neonazis mit großer Unterstützung der Anwohner ein Asylbewerberheim in Rostock in Brand. Die meisten Menschen sagen, sie seien empört, aber kaum jemand gibt zu, Zeuge gewesen zu sein. Die Älteren sagen, dass sie lange vor dem Angriff ins Bett gegangen seien, während die Jüngeren sich gewehrt hätten.
Nach Angaben der örtlichen Polizei haben sie allerdings bestätigt, dass die Angreifer „Ausländer raus!“ und „Hier regiert der nationale Widerstand!“ skandierten. Allerdings gab es bisher keine Festnahmen. Zwei Verdächtige wurden am Sonntagmorgen direkt nach dem Angriff kurz zur Befragung festgehalten, aber sofort wieder freigelassen.
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